Sonntag, 29. Oktober 2017

29.10.2017

Nach langer Zeit schreibe ich mal wieder...
Ich habe es mir öfter vorgenommen, es aber doch nie gemacht. Aber jetzt ist zu viel in mir, was raus muss.
Letztes Wochenende war A. hier. Also bei ihren Eltern. Eigentlich wollten wir uns treffen, hatten auch schon alles abgemacht... Ich war in Hamburg und sie schrieb nicht, hat sich bis Sonntag nicht gemeldet. Erst Sonntag Nacht auf dem Weg nach Hause hat sie mir gesagt, dass es ihr grad nicht gut geht und sie mit allem überfordert ist...
Ich war extrem sauer und seitdem mache ich mir enfach nurnoch Sorgen. Danach hat sie bis heute Nacht nicht mehr geschrieben.
meine Woche war so lala... Meine Gedanken kreisen ums abnehmen, ich fühle mich eklig und will einfach nur wieder dünn sein. Ja, ich weiß, dass ich immernoch dünn bin... aber halt so, wie vor 1,5 Jahren. Wirklich dünn. Noch dünner.
Ich will nicht sterben. Ich will leben. Ich weiß, dass ich nicht wieder hungern sollte... Ich habe so lange mein Gewicht gehalten. Aber grad kämpfen Ana und der Selbsthass gegen die Vernunft. Ich war mehrfach kurz davor wieder zur Klinge zu greifen. Nach 1,5 Jahren durchhalten und fast keinem Druck. Ich bin wieder in ner Abnehmgruppe, aber in keiner strengen. Alle ungefähr in meinem Alter und sie verstehen mich. Keine ist extrem dünn, alle haben noch andere Probleme. Eine ist mir super ähnlich.
Trotzdem fresse ich Scheiße, aber nicht regelmäßig und gesund. Das habe ich nie. Die ganze Normalgewichtzeit nicht. Ich habe kein wirkliches Hungerfühl, ich kann nicht viel auf einmal essen. Ich vergesse oft einfach zu essen oder ekel mich so sehr, dass ich es nicht kann. Ich will essen und schaffe es nicht. Und am nächsten Tag fresse ich 2 Pizzen und Schokolade und trinke Eistee. Gesundes Essverhalten sieht anders aus, das kann ich nicht.
Ich weiß, hungern ist definitiv nicht besser... Aber ich bin grad von allem überfordert.
Papa will dass ich ausziehe. Ok, will ich auch. Nur finde ich weder nen Job, noch ne Wohnung. Eigentlich wäre ich seit 2 Wochen obdachlos, aber ich bin grad geduldet... Wie lange auch immer. Ich könnte jederzeit plötzlich auf der Straße sitzen. Er will mich loswerden.
Er trinkt oft. Heimlich. Fast jeden Abend fehlt ein Bier im Kühlschrank oder stehen Weingläser in der Küche. Aber ich will nicht mit ihm drüber reden, das gäbe noch mehr Streit.
Aber es erinnert mich so sehr an Mama. Ich hab so eine verdammte Angst, dass sich das wiederholt.. wie so vieles andere auch. Es tut mir so verdammt weh alles. Ich will doch nur glücklich sein, ich will leben. Aber nicht so, glücklich.
Mir ist das alles zu viel. Ich spiele für alle das glückliche Mädchen. Keiner meiner Freunde kennt meine Gedanken. Ich sage allen, dass alles gut ist. Re ist nicht so richtig stabil, T noch weniger... Und A...
Sie hat mir vorhin gesagt, dass ein Kumpel, dem sie Unterschlupf gewährte, sie nachts angefasst hat. Shirt hochgezogen und angefasst. Sie ist davon aufgewacht und war zu geschockt um sich zu wehren. So wie ich damals. Sie hat es einfach über sich ergehen lassen. Ihr geht es sowieso nicht gut. Ich habe Angst um sie.
Das mit P. ist bald 4 Jahre her. In 22 Tagen. In 3 Tagen beginnt der November, der Horrormonat. Ich hasse den Winter. Das sind zu viele Erinnerungen. P. guckt mich immernoch doof an, wenn wir uns sehen. So, als ob ich die wäre, die ihn schlecht behandelt hat. So, als wäre ich der letzte Dreck.
Manchmal kriege ich immernoch Panik. Ich will manchmal einfach nur zerbrechlich dünn sein. Mit fettigen Haaren. Eklig. Sodass mir keiner zu nah kommt. Dass mir keiner weh tut. Alleine auf ner einsamen Insel. Nur ich und das Internet.
Ich will zu C. Ich vermisse sie so sehr, meine kleine. Ich hab sie einmal gesehen in den letzten 2 Jahren. Sie ist mir mit Abstand am wichtigsten, immernoch und für immer. Ohne sie würde ich nicht mehr leben, schon seit vielen Jahren nicht mehr. Andererseits wäre ohne sie meine Familie vielleicht nicht so im Arsch... Dafür kann sie nichts, aber trotzdem ist es so. Und doch wird sie immer mein Lieblingsmensch bleiben ♥
Meine Gedanken sind so durcheinander, ich komme selbst nicht mehr hinterher. Ich sitze hier grad heulend. Ich vermisse die Klinge. Aber ich will die Zeit nicht zerstören... Ich will nicht schon wieder meine Arme verstecken und am Bein befriedigt es nicht so. Ich will, dass endlich alle Narben verblassen und gleichzeitig will ich das Blut laufen fühlen. Den Schmerz, die Ruhe, die Erlösung. Ich überlege, ob ich meine Beruhigungsmittel nehme. Aber ich hab Angst, dass ich dann zu lange schlafe. Ich hab sie das letzte Mal vor 1,5 Jahren genommen. Da ging es mir wesentlich schlechter als jetzt... Warum fängt es wieder an? Ich will das nicht. Ich will einfach leben können ohne den ganzen Mist.
Und doch fange ich damit an. Bin in der Gruppe. Stehe auf der Waage. Fresse trotzdem. Habe eine Maske. Rede mit niemandem. Bin für alle da. Bin mir selbst egal.
Ich hab vorhin mit einer aus der Gruppe über Dinge geredet, die ich noch nie jemandem gesagt habe.
Ich fühle mich oft nicht krank genug, hab ich auch mit starkem Untergewicht nicht. Meine Blutwerte waren immer gut, mein Kreislauf hat nicht verrückt gespielt. Ich war nie so dünn und habe das essen nie lange genug verweigert um zum Essen gezwungen zu werden. Insgeheim wollte ich immer so dünn werden, dass ich ne Sonde bekomme. Nicht, weil ich die Sonde will oder zunehmen wollte. Aber nur wer fast verschwunden ist bekommt eine Sonde. Nur wer wirklich krank ist. Ich habe die Diagnose, ja... Aber es gibt so viele die Dünner sind.
Beim schneiden das gleiche, ja ich habe viele Narben, aber keine tiefen Narben. Nichts, was wirklich besorgniserregend war. So viele hatten tiefere Schnitte. Bei so vielen muss es oft genäht werden, bei mir musste ich es eine Nacht verbinden.
Dann denke ich, dass ich die Diagnose nicht verdient habe. Weil es nicht wirklich schlimm war.
Ich hab nurnoch selten Albträume wegen P. Selten Panik. Manches habe ich wieder verdrängt, manches ignoriere ich. Ich schlafe immernoch jede Nacht in dem Bett von damals. An der gleichen Stelle wie damals. Ich ignoriere die Tatsache. Sie zerreißt mich oft innerlich. Sie erinnert mich jeden Tag. Aber ich spiele das glückliche Mädchen.
Ja, ich bin auch oft glücklich. Ich kann lachen und mich freuen. Aber oft verdränge ich. Alles.
Und dann fühle ich mich schuldig, weil ich nicht krank genug bin. Anderen geht es schlechter. Warum also Hilfe annehmen? Ich komme doch klar. Meistens.